Welpen kastrieren?

Kastration von Hund und Katze – Teil 2: Hunde kastrieren – ja oder nein?


Wie bereits in Teil 1 dieser Artikelserie zur Kastration dargelegt, gibt es nicht nur Vorteile, sondern auch eine Reihe von Risiken, wenn man Hunde kastrieren möchte. Abgesehen davon setzt ja auch das Tierschutzgesetz enge Grenzen. Dadurch soll z. B. ausgeschlossen werden, dass Tierhalter/innen ihr Tiere aus Bequemlichkeit kastrieren lassen, z. B. um bei Hündinnen die Verschmutzung der Wohnung durch zumeist leichte Blutung zu verhindern. Was könnten relevante Gründe sein, weswegen man über eine Kastration nachdenkt, und wie sind diese zu bewerten?

Risiko von Mammatumoren

Ein sehr häufig genannter Grund für die Kastration von Hündinnen ist, dass das Risiko von Tumoren des Gesäuges dadurch gesenkt wird. Grundsätzlich ist es richtig richtig, dass früh kastrierte Hündinnen ein geringeres Risiko von Gesäugetumoren haben als gar nicht oder spät kastrierte. Dazu wird häufig auf eine Statistik von 1969 zurückgegriffen, nach der vor der ersten Läufigkeit kastrierte Hündinnen nur 0,5 %, nach der ersten bzw. zweiten Läufigkeit kastrierte Tiere nur 8 % bzw. 26 % nicht kastrierter Tiere haben. Allerdings muss bei diesen Zahlen auch einbezogen werden, wie viele Hündinnen überhaupt an Mammatumoren erkranken. Hier schwanken die Zahlen in den Statistiken, meist bewegen sie sich zwischen 0,2 und 1,9 % aller Hündinnen. Faktisch heißt dies, dass ohnehin nur ein geringer Teil aller Tiere von Mammatumoren befallen wird; die Kastration würde dieses ohnehin geringe Risiko noch einmal absenken. Dazu wird in einer Dissertation aus dem Jahr 2003 von der Universität Gießen ausgeführt:

Das tatsächliche Risiko läge bei einer angenommenen Inzidenz von 1,89 / 1000 Hündinnen bei 0,2% für nicht kastrierte Tiere, bei 0,016% und 0,001% für Hündinnen die vor der zweiten beziehungsweise der ersten Läufigkeit kastriert worden sind.

Bei einem derart geringen Erkrankungsrisiko wäre die medizinische Indikation für eine (Früh-)Kastration zumindest sehr zweifelhaft. Abgesehen davon haben auch weitere Faktoren, z. B. die Ernährung oder eine Läufigkeitsunterdrückung, großen Einfluss auf die Entstehung von Gesäugetumoren. Hinzu kommt, dass die Kastration der Hündin zu einer Reihe von Problemen führen kann (s. dazu auch Teil 1). Relativ häufig kommt es in der Folge zu Inkontinenzerscheinungen.

Gebärmutterenzündung/Gebärmuttervereiterung

Ein weiteres Problem, das häufiger bei Hündinnen nach der Läufigkeit auftritt, ist die Entzündung oder gar Vereiterung der Gebärmutter. Sie tritt meist drei bis acht Wochen nach der Läufigkeit auf. Grund dafür ist, dass während der Läufigkeit der Muttermund (der „Eingang“ zur Gebärmutter) geöffnet ist, um den Spermien den Durchtritt zu ermöglichen. Über diesen Weg können auch Keime eintreten und sich in den folgenden Wochen vermehren. Oft werden die typischen Symptome – vermehrter Durst, Schwäche, Appetitlosigkeit, evtl. Temperaturanstieg sowie bei der offenen Form dunkler, übelriechender Ausfluss und bei der geschlossenen Form eine Zunahme des Bauchumfangs – zunächst übersehen. Dadurch kann dann mit der Bildung größerer Eitermengen in der Gebärmutter ein Notfall entstehen, bei dem nur noch die Entfernung des Organs helfen kann. Von einigen Tierärzten wird deshalb dazu geraten, prophylaktisch, also vorbeugend zu kastrieren. Es ist allerdings aus rechtlicher Sicht als äußerst fragwürdig einzustufen, ein gesundes Organ aufgrund des potentiellen Erkrankungsrisikos zu entfernen.

Sie als Tierhalterin oder Tierhalter sollten stattdessen in den Wochen nach der Läufigkeit besonders auf die genannten Symptome achten. Treten sie auf, empfiehlt sich auf jeden Fall eine Untersuchung, um zu verhindern, dass der genannte Notfall eintritt.

Scheinträchtigkeit/Scheinmutterschaft

Auch dies ist etwas, was bei einem Großteil der Hündinnen nach der Läufigkeit auftritt. Es handelt sich dabei allerdings um einen physiologischen Prozess, der ganz natürlich z. B. auch in Wolfs- oder Wildhundepopulationen auftritt. Auch ohne den Deckakt durchläuft die Hündin nach der Läufigkeit die gleichen hormonellen Prozesse wie ein gedecktes Tier. Das heißt, zunächst ist der Hormonstatus wie beim trächtigen Tier, danach wie beim säugenden. Ist dies stark ausgeprägt, kann es sogar zur Milchbildung kommen. Aus Wolfs- und Wildhundeforschungen ist bekannt, dass nur das Leittier gedeckt wird, die anderen weiblichen Tiere aber die Welpen mitversorgen. Somit ist der Prozess in diesem Umfeld ganz sinnvoll. Beim Haushund ist dieser Sinn nicht mehr gegeben, es ist aber etwas, was der Hund aus seinen Ursprüngen mitgebracht hat und damit in der Regel nicht behandlungsbedürftig. Wenn massive Verhaltensänderungen wie Aggression oder Apathie auftreten, kann in der Regel auch eine homöopathische Behandlung Abhilfe schaffen. Auch mit Medikamenten vom Tierarzt ist das möglich.

Zusammenleben von Hündin und Rüde

Leben Hündinnen und Rüden in einem Haushalt zusammen, kann es durch die Läufigkeiten der Hündinnen regelmäßig zu Stress-Situationen kommen, wenn man den Deckakt verhindern will. Das ist dann sowohl anstrengend für die Tiere als auch für die Menschen. Das Mittel der Wahl wäre hier allerdings die Sterilisation (Durchtrennung der Samenleiter) beim Rüden. Dadurch kann keine Befruchtung mehr erfolgen, selbst wenn der Rüde die Hündin deckt, gleichtzeitig wird der Hormonhaushalt nicht gestört. Hündin und Rüde können ihren natürlich Trieb ausleben, ohne dass es zu unerwünschtem Nachwuchs kommt.

Verhaltensprobleme

Sehr häufig werden Verhaltensprobleme als Grund für eine Kastration angeführt, z. B. bei Aggression, sogenanntem Dominanzverhalten oder Jagdverhalten. Für die meisten dieser Verhaltensauffälligkeiten sind nicht die Sexualhormone verantwortlich – im Gegenteil dämpfen sie häufig sogar noch das unerwünschte Verhalten. Sehr detailliert ist das in dem bereits erwähnten Artikel von Sophie Strodtbeck und Udo Gansloßer erläutert. Das heißt, in den meisten Fällen ist ein Training (Verhaltenstherapie), eventuell kombiniert mit therapeutischen Ansätzen wie Homöopathie oder Bachblüten, der Weg, um  die Verhaltensprobleme zu beheben oder abzumildern. Lediglich bei solchen Problemen, die eindeutig mit Sexualhormonen in Verbindung stehen, kann eine Kastration eine sinnvolle Maßnahme sein. Zieht man dies in Erwägung, wäre bei männlichen zunächst die chemische Kastration zu bevorzugen, um zu sehen, ob auch der gewünschte Effekt eintritt.

Und wann ist es sinnvoll, einen Hund zu kastrieren?

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen eine Kastration sinnvoll sein kann. Neben den genannten hormonbedingten Verhaltensproblemen sind dies medizinische Indikationen. Beim Rüden ist eine (Teil-)Kastration sinnvoll, wenn nur ein Hoden abgestiegen ist, da der in der Bauchhöhle verbleibende Hoden zur Entartung und Bildung von Tumoren neigt. Zumindest dieser muss dann also entfernt werden. Weitere Indikationen beim Rüden können Hodentumore oder Tumore im Umfeld des Analbereichs sein. Bei der Hündin können wiederholt auftretende Gebärmutterprobleme, Knötchen im Gesäuge und auch Diabetes mellitus für eine Kastration sprechen. In jedem Fall würde ich aber dazu raten, vorher alternative Behandlungsansätze auszuprobieren.

Lesen Sie demnächst in Teil 3: Kastration bei Katzen